Entwicklungspolitisches Engagement ist für mich immer verbunden mit dem Versuch, "etwas" zu ändern, was in der Praxis auf Grund eigener Erfahrungen vor Ort nicht funktioniert. Zunächst waren es die eigenen Fehler. Als eigene Irrwege erkannt und weitgehend korrigiert waren, stellte ich fest, dass ich Irrwege mit vielen - auch staatlichen - "Hilfswilligen" teilte. Diese orientier(t)en sich zumeist an den offiziellen Vertretern der sich entwickelnden Staaten und allenfalls an Führern der Zivilgesellschaft, aber kaum an den Menschen an der Basis. Der eigene Lernprozess verdeutlichte z. B.: Einzelmaßnahmen waren und sind grundsätzlich problematisch, wenn dahinter kein sinnvolles Gesamtkonzept steht. Punktuelle Maßnahmen sind außerdem häufig überdimensioniert und ersticken örtliche Eigeninitiative. Außerdem fördern sie Korruption. Sinnvoll erscheinen mir in der Praxis – wenn überhaupt – nur solche Einzelmaßnahmen, die "unten", an der Basis ansetzen, die von dieser Basis gewollt, getragen und verantwortet werden. Folglich sind dies häufig kleine und kleinste Starthilfen, die mit öffentlichen Mitteln nicht finanzierbar waren. Sie sind zu aufwendig für staatliche Verwaltungs- und Genehmigungsstrukturen.

Micro-Zuschüsse – "micro-grants"
Bereits ein Jahr nach Gründung der Peter-Hesse-Stiftung wurde dieses Problem menschlicher Entwicklung in Haiti deutlich: Selbsthilfe-Initiativen brauchen häufig Starthilfen. Finanzielle Förderung von Selbsthilfe-Initiativen durch Mini-Kredite ist spätestens seit Professor Yunus' Friedens-Nobelpreis anerkannt – und erfolgreich, sofern "richtig" eingesetzt. Aber nicht immer sind Micro-Kredite rückzahlbar. Dann können Zuschüsse besser geeignete Starthilfen sein. Zu viel Geld lähmt jedoch Initiative und fördert auch noch Korruption. Micro-Zuschüsse, "micro-grants" genügen häufig. Da sie jedoch administrativ teuer sind mussten neue Wege gesucht werden. Einen solchen Weg hatte ich schon 1984 vorgeschlagen. Er führte schließlich 1989 zum Erfolg, wie im Buch "Von der Vision zur Wirklichkeit" auf Seiten 87/89 – s. hier – zusammenfassend beschrieben und 1990 unter dem Namen Partnerschafts-Helfer-Modell veröffentlicht. Seit 1990 funktioniert(e) dieses Mini-Cofinanzierungs-Verfahren erfolgreich im Rahmen des vom Deutschen Entwicklungsdienst (ded) durchgeführten Instrumentariums des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Entwicklung (BMZ) unter dem Namen "Programm zur Förderung einheimischer Organisationen und Selbsthilfe-Initiativen" (s. hierzu auch den ded-Beitrag "Von der Partnerschafts-Hilfe zur Beratung einheimischer Organisationen" im Buch "SOLIDARITÄT die ankommt", S.231-270). ) Dieses Programm ergänzt(e) im Micro-Finanzsektor die Micro-Credit Systeme. wie sie insbesondere von Prof. Yunus und seiner Grameen-Bank bekannt wurden. Bis zur Integration des Deutschen Entwicklungsdienstes (ded) in die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in 2011 blieb es ein Erfolgsmodell für Basishilfe durch deutsche Entwicklungs-Fachkräfte in sich entwickelnden Ländern. Das Modell wurde ein Opfer von – wie ich meine – falscher Entwicklungspolitik. Es bedarf nun der politischen Reaktivierung und eines weiteren Engagements.

Früh beginnende Grundbildung – politisch ein Erfolg – real noch nicht. Mehr Glück als das neuerdings politisch vernachlässigte Erfolgskonzept der "Partnerschafts-Helfer" haben inzwischen die Initiative Grundbildung in der "Dritten Welt" und die anschließende Initiative Vorschuldidaktik für Kinder in EINEr Welt aus den Jahren 1989/9O. Trotz politischer Akzeptanz insbesondere der Grundbildungsinitiative durch einen fast einstimmigen Bundestagsbeschluss im Oktober 1990 dauerte es 12 Jahre bis das zuständige Ministerium zumindest konzeptionell damit begann, früh beginnender Grundbildung auch praktisch einen höheren Stellenwert einzuräumen. Nun endlich hat dies Eingang gefunden in ein BMZ-Bildungskonzept – vorerst noch auf Papier.

Nach dem 10-jährigen Bestehen der Stiftung im Dezember 1993 begann eine intensive Nutzung des in Haiti Gelernten im fachpolitischen Rahmen nicht nur in Deutschland, sondern erstmalig auch in EINEr Welt - z.B. beim "Weltgipfel für Soziale Entwicklung" im März 1995 in Kopenhagen. Dafür wurden die Erfahrungen der Haiti-Basisarbeit in 3 "SUGGESTIONs for ONE world development" zusammengefasst. Es war der Durchbruch für kleinere Nicht-Regierungs-Organisationen (NROs) zumindest in einem Parallelrahmen neben den Staaten der UNO in 1995 in Kopenhagen. Die Möglichkeit zur Problemlösungs-Mitgestaltung der qualifizierten Zivilgesellschaft auf "Augenhöhe" mit den gewählten oder entsendeten Vertretern der Staaten ist noch weit entfernt. Wir ergriffen jedoch die Gelegenheit zur Präsentation unserer Anregungen.

Durch Mitarbeit in internationalen Netzwerken sowie durch Gestaltung eines Arbeitsbereiches "Bildung für das nächste Jahrhundert" im STATE OF THE WORLD FORUM der Gorbatschow-Stiftung wurde von der Peter-Hesse-Stiftung weltweit geworben für die Verbesserung der frühkindlichen Vor- und Grundbildung. Das war eine Möglichkeit, sich auch in einem formal und inhaltlich anspruchsvollen Rahmen wie beim STATE OF THE WORLD FORUM in San Francisco, USA, Gehör zu verschaffen. Noch immer ist dieses Thema "Früh beginnende Grundbildung" aber nur fachlich anerkannt, sowie in politischen Deklarationen – s.: "Education for All (EfA)" – noch nicht jedoch in der Praxis und auch nicht in seiner vollen ganzheitlichen Bedeutung für menschliche Entwicklung. Der Beweis für die Machbarkeit z. B. von Montessori Vorschulbildung für benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Haiti ist vielleicht noch wirksamer als der Besuch von Fachkonferenzen. DENNOCH ist auch öffentliches Eintreten für das als heilsam Erkannte notwendig zum Wenden von Not.

Eine meiner früheren entwicklungspolitischen Initiativen war im zuständigen CDU Bundesfachausschuss ausführlich beraten und grundsätzlich angenommen worden, der Vorschlag, hochrangige erfahrene deutsche Fach-Senioren zur Unterstützung politischer Strukturen in internationalen Organisationen und dafür offenen sich entwickelnden Staaten als "Bundes-Beraterinnen h.c." anzuwerben. In einer entscheidenden Sitzung des Bundesfachausschusses verflachte diese Initiative zu einem Unterpunkt des SES (Senior Expert Servive) – eine erfolgreiche Organisation, aber kaum auf der gleichen Ebene tätig. (Ich war traurig!)

Auch andere wertvolle entwicklungspolitische Initiativen aus der Zivilgesellschaft haben es schwer in der Politik voll genutzt zu werden: Die von Prof. Dr. Franz-Josef Radermacher und Österreichs Ex-Vizekanzler Dr. Josef Riegler 2004 sowie dem Unternehmer Frithjof Finkbeiner ins Leben gerufene Initiative mit dem Ziel einer globalen Öko-Sozialen Marktwirtschaft ist ein herausragendes Beispiel. Hinter der globalen ordnungspolitischen Konzeption einer Öko-sozialen (nicht nur der sozialen) Marktwirtschaft steht das finanzielle Entwicklungskonzept eines globalen Marschallplans (s. auch als Sonderpunkt in dieser Homepage). Diese Idee erscheint mir so relevant für eine friedliche und gerechte "Welt in Balance", dass ich sie von Anbeginn an voll mittgetragen habe. In 2006 war ich darum gemeinsam mit der "Global Marshallplan Initiative" Herausgeber des Buches "SOLIDARITÄT die ankommt!". Für dieses Projekt sammelte ich mit administrativer Hilfe des Büros der Global Marshallplan Initiative Beispiele für erfolgreiche Entwicklungsprojekte, die sich vorwiegend direkt an die "Zielgruppe" der ärmsten Bevölkerungsgruppen wenden. Das Konzept behält seine Relevanz in unserem globalen Dorf.

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